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Wie Yoga für mich eine andere Bedeutung gewonnen hat - das Dschungel-Retreat

Meine Yogalehrerausbildung begann mit der Frage: Was waren Schlüsselmomente in eurer bisherigen Praxis? Angefangen habe ich, wie so viele Yogis und Yoginis, wegen Rückenschmerzen und weil ich mehr körperliche Fitness und Ausgeglichenheit erreichen wollte. Mein Schlüsselmoment, in dem mir klar wurde, dass Yoga so viel mehr ist und ich ihm mehr Platz in meinem Leben einräumen möchte, war ein Yoga-Retreat in Thailand.

 

Ich reiste traumatisiert und in tiefer Trauer dort hin, nachdem ich hatte mit ansehen müssen, wie meine Hündin Cita von einem Auto überfahren wurde. Sie starb noch sehr jung in meinen Armen. Sie hatte mir so sehr vertraut und ich hatte sie im falschen Moment nicht an der Leine gehabt. Mich plagten so starke Schuldgefühle. Ich war überzeugt davon, dass ich mir selbst nie verzeihen könnte. Geschweige denn wieder Verantwortung für ein Tier übernehmen würde. Oder einem kleinen Lebewesen wieder so tiefe Liebe schenken könnte.

 

Ihr seht heute Sukhi auf meiner Matte, an meiner Seite und in meinem Herzen. Dass dies überhaupt möglich ist, habe ich meiner Dschungel-Erfahrung zu verdanken, von der ich euch heute erzählen möchte.

Unvergessen: Meine kleine Cita-Maus...
Unvergessen: Meine kleine Cita-Maus...

Also reisen wir einmal gedanklich zurück in das Jahr 2015...

Unser Wecker ist der Gibbon. Dieser Menschenaffe, der hoch oben in den Dschungelwipfeln wohnt und selten zu sehen ist, ist das Maskottchen von Jungle Yoga im thailändischen Khao Sok National Park. Er klingt ein wenig wie eine Opernsängerin, die ihre Stimme ausprobiert. Eine Mischung aus leicht verzweifelten und freudig-erregten Stimmzittern. Ein andermal scheint der Ruf des Gibbons eher ein freudiges „Huhu“, das sich langsam dem Kreischen einer Sirene annähert. Zu theoretisch? Die Pächter des Dschungelyogas haben ganz tolle Aufnahmen gemacht. Am besten, ihr startet alle Sounds gleichzeitig, dann wisst ihr, welche Geräusche euch im beim Yoga im Urwald umgeben.

 

Ganz schön laut, oder? Und trotzdem muss ich sagen: Ich bin noch nie so zur Ruhe gekommen, wie in dieser Woche im Urwald. Wir lebten auf dem Wasser – alle unsere Hütten, das Restaurant und auch die Yoga-Sala (also unser Übungsort) schwammen im See. Ich glaube, es war auch die Qualität des Wassers, die das Leben und das Yoga so besonders machten. Die Ruhe ist nämlich in Wirklichkeit ein Fließen: Alles fließt, alles bleibt in Bewegung. Da kommen Dinge in dir in Bewegung, die bisher erstarrt waren.

This is where the magic happens
This is where the magic happens

Soviel zum Ort. Mir fällt es schwer, meine Erfahrung in Worte zu fassen, weil so viel passiert ist und alles so tief ging. Ich greife deshalb lieber einzelne Erfahrungen heraus, die mich besonders berührt haben.

Kommunikation: Wir reden nicht schlecht über uns oder über andere

Ihr kennt sicher diese gruppendynamischen Prozesse, die entstehen, wenn ein Haufen Wildfremder zusammenkommt, um etwas zu lernen oder zu unternehmen. Ganz schnell bildet sich heraus, wer welche Rolle einnimmt: der Freak, die Vorlauten, die Streber, die, die Unzertrennlichen, die Stillen… Natürlich war das auch im Dschungel nicht anders. Dennoch hat eine Regel, die uns gleich zu Beginn vermittelt wurde, die Gruppenbildung ziemlich durcheinander gewürfelt: „Wir reden nicht schlecht über uns selbst oder über andere – seht es als Experiment.“

 

Und nach einer Woche muss ich sagen: Was für ein großartiges Experiment! Da ich mit meiner besten Freundin ein Bungalow teilte, hatten wir natürlich erschwerte Bedingungen. Unser gewohntes Tratschen mussten wir anfangs angestrengt unterdrücken. Und dann passierte wundervolles: Die Lauten stellten sich Tage später als sehr nette, etwas unsichere Personen heraus und drosselten automatisch ihre Lautstärke, die Streber fielen gar nicht mehr auf, weil jeder mit seiner Praxis beschäftigt war, die Abgeschotteten lernte man am Schluss auch noch kennen und die Freaks waren sowieso auf ihre Weise liebenswert. Wie viel es verändert, wie viel offener man selber bleibt, wenn man seine Vorurteile nicht laut ausspricht, hat mich enorm erstaunt.

 

Und wie gut es tut, mal ausnahmsweise nicht schlecht über sich selbst zu reden, brauche ich wohl nicht extra erwähnen. Das ist Seelenbalsam pur.

Yoga mit verbundenen Augen

Wir waren alle gespannt, wozu wir Augenbinden mit den Urwald bringen sollten. Vor allem, da wir ansonsten ja recht stark eingeschränkt wurden in unserem Gepäck („Take as less as possible!“). Ein bisschen fürchtete ich mich davor, Vertrauensspielchen mit fremden Menschen machen zu müssen, weil ich mich nicht so wohl damit fühle, andere anzufassen.

 

Doch bei der Augenbinden-Übung ging es nicht um andere, sondern darum, dass wir uns auf UNS SELBST konzentrieren lernten – ohne von dem abgelenkt zu werden, was auf den anderen Matten passiert. Eine zweistündige Praxis mit verbundenen Augen.

 

Dabei habe ich jegliches Zeitgefühl verloren – die Praxis war unheimlich schnell vorbei. Das lag auch daran, dass man wirklich extrem konzentriert zuhören musste. Schnell woanders spicken, weil man etwas nicht ganz verstanden hatte, war eben nicht. Meine Gedanken hatten nicht die geringste Chance woanders hinzuwandern. Wer absolut im „Hier und Jetzt“ Yoga üben will: Einfach mal die Augen verbinden!

 

Bei mir hatte es auch noch den positiven Effekt, dass ich das Vergleichen endlich ganz sein lassen konnte. Und plötzlich habe ich mich gefühlt, wie die Queen of Yoga – weil ich jede Übung eben genau so gut gemacht habe, wie ich sie konnte – ganz egal, was die anderen so trieben.

Viele Affen - keine Mücken.
Viele Affen - keine Mücken.

Wandern in Stille

Nach ein paar Tagen war unsere Gruppe ein richtiger Chit-Chat-Verein. Wir kicherten, blödelten und tauschten all unsere bisherigen Lebenserfahrungen aus. Kein Essen ohne anregendes Gespräch! Und mitten in diese fröhliche Stimmung hinein, will uns unsere Yogalehrerin verklickern, dass Kommunikation zu viel Energie kostet und wir für einen Abend und eine Morgenwanderung komplett schweigen sollten.

 

Ich war empört! Was soll denn das bringen? Und wieder hatte ich erschwerte Bedingungen, weil wir ja eben zu zweit im Bungalow waren: Nicht einmal „gute Nacht“ sagen zu können und meine Freundin nicht auf die dicke Spinne im Bad aufmerksam machen zu dürfen – all das fiel mir enorm schwer.

 

Und am nächsten Morgen bei der Wanderung fand ich es vor allem schade, dass uns unser Guide uns nur Dinge gezeigt hat, aber nichts erzählen konnte – wenn wir doch schon so eine urwaldkundige Frau bei uns haben, hätte ich gerne mehr erfahren. Nein, so ein Schweige-Retreat wäre definitiv nichts für mich! Zumal ich es als Einzelkind ohnehin gewohnt bin, zu schweigen oder mich zurückzuziehen, wenn mir Gesellschaft zu viel wird. Ich schwatze nur, wenn ich auch Lust dazu habe oder einen Sinn darin sehe.

 

Daher war der schönste Moment der Schweigeerfahrung für mich auch eindeutig das Brechen des Schweigens: Wir saßen in einer stockfinsteren Tropfsteinhöhle auf dem Boden, schalteten unsere Taschenlampen aus. Eine solch intensive Dunkelheit und Stille hatte ich noch nie erlebt. Dort meditierten einige Minuten und ließen dann ein „Om“ ertönen.

 

Auch wenn das Schweigen selbst nichts für mich war, nehme ich doch gerne mit, was uns zum Ende ans Herz gelegt wurde: „Überlegt euch immer wieder bevor ihr etwas sagt: Ist es wahr? Ist es nötig? Und kann ich es auf nette Weise sagen?“

Thailändisch Neujahr: Hier bleibt keiner trocken.
Thailändisch Neujahr: Hier bleibt keiner trocken.

Sawadi Sokrang - das thailändische Neujahrsfest

Die Thailänder begrüßen ihr neues Jahr mitten im April. Da wir ja im Dschungel „in the middle of nowhere“ waren, dachte ich, dass ich davon nichts mitkriegen würde. Aber glücklicherweise, hat uns die thailändische Crew voll in ihre Feierlichkeiten mit einbezogen. Es gab Geschenke (ein Holzwürfel, um die Akupunkturpunkte der Hand zu massieren), wir wurden mit einer wohlriechenden Kräuterpaste bemalt und natürlich das allerwichtigste: nassgespritzt. Also zuerst. Dann mit Wasser übergossen. Dann ins Wasser geschmissen. Dazu hat eine der Thailänderinnen gesungen und ihre Handgelenke und Hüften kreisen lassen.

 

Es war so schön mit anzusehen, wie plötzlich Crew und Urlauber jegliche Scheu voreinander verloren und miteinander blödelten. Zudem hat es mir unfassbar gutgetan, das Jahr noch einmal neu zu beginnen, nachdem meines so schrecklich angefangen hatte. Und damit kommen wir auch gleich zum nächsten Punkt…

Den Schmerz loslassen

 Zuhause habe ich mich oft gefragt, wie das funktionieren soll: Die Trauer um meine verlorene Hündin Cita zulassen, und gleichzeitig den Schmerz und die Schuldgefühle loslassen. Eine liebe Freundin hatte mir gesagt, dass der Schmerz automatisch geht, wenn man sich ihm neugierig zuwendet. Das sagt sich so leicht. Zuhause muss man ja auch funktionieren. Und nach wochenlangem Weinen verliert auch das Umfeld langsam aber sicher die Geduld und man verdrängt den Schmerz eben doch. Es ist weniger anstrengend, sich voll in die Arbeit zu stürzen, als die ganze Zeit zu weinen – ganz ehrlich!

 

Im Dschungel aber war es weder möglich noch nötig irgendwas zurückzuhalten. Schon bei den ersten Yogastunden sind die Tränen still gekullert. Später dann habe ich viele schöne Gespräche geführt mit meinen Mityogis und den zwei Yogalehrerinnen.

 

Besonders „meine“ mitgereiste Lehrerin Salome Noah war einfach großartig. Sie wusste was passiert war, und hat sich Zeit für kleine Privatsessions mit mir genommen. Sie hat mir gezeigt, wo die traumatische Erfahrungen im Körper oft festsitzen (im Psoas bei mir) und wie man mit Hilfe von Zitterübungen auch die psychische Heilung unterstützen kann. Das alles – und auch die Zeit, die ich mir wieder und wieder zum Weinen und zum Aufschreiben meiner Trauer genommen habe – haben mir so unfassbar gutgetan.

 

Meine ganze Körperhaltung hat sich verändert. Meine Schultern waren vor dem Retreat nach vorne gekippt – „logisch, du versuchst dein Herz zu schützen“ – und andere körperliche Macken hatten sich ebenfalls verstärkt. Tatsächlich stand ich nach einer Woche ganz anders da. Und es macht so viel aus, WIE man durchs Leben geht!

 

Am letzten Tag dann, habe ich noch einmal angefangen zu weinen, weil wir kleine Kokosschiffchen mit Blumen, Kerzen und Räucherstäbchen basteln sollten. Diese haben wir nachts – wieder unter thailändischem Gesang – aufs Wasser gleiten lassen. Als Zeichen für alles, was wir da lassen wollten. Für mich ein erneutes Abschiedsritual. Nur diesmal habe ich mich nicht von meiner Cita – sondern von meinem Schmerz und meinen Schuldgefühlen verabschiedet.

Was möchtet ihr hier lassen? Was nehmt ihr mit?
Was möchtet ihr hier lassen? Was nehmt ihr mit?

Yin Yoga

Zu guter Letzt habe ich auch noch einen Yogastil kennen gelernt, der für mich neu war und mir gezeigt hat, dass Yoga wirklich nicht immer sportlich sein muss. Meistens war es das nämlich auch im Retreat so. Aber 3,5 Stunden Yoga pro Tag ermüden, und so haben wir uns eines Abends eine 2-stündige Yin-Yoga-Session gegönnt.

 

Dabei hält man jede Pose mehrere Minuten und die Posen sind meist nicht kraftvoll, sondern dehnend, entspannend und nah am Boden. Überhaupt habe ich immer wieder gespürt, wie wichtig der Boden für mich ist. Denn nur, wer richtig geerdet ist, kann auch gen Himmel wachsen.


Soweit also meine Erfahrung vom 2015, die sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat und mich auf den Weg gebracht hat, den ich heute gehe - mit einer viel intensiveren Praxis und meinem Teachertraining.

Yoga Retreat 2018?

Im April 2018 wird es wieder ein Dschungel-Yoga-Retreat geben, diesmal unter Anleitung zwei meiner absoluten Lieblingslehrerinnen: Salome Noah (noayoga.ch) und Nadine Eichenberger (heylottayoga.com). Ich spare gerade fleissig, damit ich nach drei Jahren vielleicht wieder dorthin reisen kann und meine Erinnerungen auffrischen - dann als gerade fertig ausgebildete Yogalehrerin.

 

Das Retreat findet vom 4. bis 14. April 2018 statt. Auch Lust mitzukommen? Dann gibt es hier mehr Informationen.

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